OVID, Der Narziss-Komplex, Episoden

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“Narzissmus” – das Phänomen ist doch bekannt, Narzissten gelten als kontraproduktiv, oder als kreativ, und man kann lernen, sie zu erkennen: “Wenn man sie anschaut, ist das, wie in einen Spiegel zu schauen, der Dich nicht reflektiert”, lautet eine Erklärung, und neben dem gesunden Narzissmus ist uns “Narzissmus” als der Name einer psychischen Erkrankung bekannt. Was also ist Narzissmus wirklich, und wo, wie, wann und warum?

Das Thema ist  seit langem in der Debatte, hat noch immer Konjunktur, vielleicht auch, weil die Erklärungen, die abgeliefert werden, den Bedarf nach mehr Erklärungen wecken.
Ursprünglich hatte es in Verbindung mit der Sagenfigur Narziss ganz viele Götter, Geister, Nymphen und merkwürdige Naturereignisse gegeben, aber keinen “Narziss-ismus”.
Mit der Vorstellung des Begriffs “Narizssmus” wurde eine Ur-Figur aus der Mythologie entliehen oder entwendet, jedenfalls “heraus-”genommen, die über besondere “Merkmale des Narzissmus” verfügt, Merkmale aufweist, die auch im “Heute” charakteristisch sind – für alle, bei denen Ähnlichkeiten mit Narziss, dem “Knaben aus dem Mythos”, festzustellen sind:

Narziss kennen heißt Narzissmus verstehen.

Im Mythos folgt das Geschehen um Narziss, folgen seine Interaktionen einer gewissen Logik, wie ja der zweite Wortteil, “Logos”, in “Mythologie” besagt. Ursprünglich gab es keine isolierte Figur, im Original hatte Narziss Vater und Mutter, Eltern, einen einflussreichen “Arzt”, eine peer-group, sein Spiegelbild, eine der obersten Göttin wohlbekannte “Echo” als “Bezugspersonen” und das Thema “Metamorphosen” als Bezugsrahmen.
Der Mythos ist ein Kunstwerk, das nicht so genau bekannt ist, der Künstler war schon einmal bekannter als heute, in Fachkreisen heißt es:

„Ovid war seiner Zeit weit voraus und hat unsere Vorstellungen von Kunst und Literatur … wesentlich geprägt. … Wer die moderne europäische Kultur begreifen will, kommt an Ovid nicht vorbei.“

Psychologen wie auch Sozialwissenschaftler, die “den Narzissmus” in ihr Gesellschaftsverständnis einbauen möchten, mogeln sich häufig unauffällig am Mythos und an OVID, dem Autor, vorbei.
Vorgeblich wird die wissenschaftliche Erkenntnis aus dem Mythos abgeleitet – jeweils aus einer radikal gekürzten, selbstgestrickten Version, wie bei einer konzentrierten Medizin, von der nur wenige Tropfen in einem Glas Wasser eingenommen werden müssen.

“Irgendwas mit Selbstliebe, Quelle und ertrinken”

war da mal, oder auch

“Narzissmus ist gleich Selbstliebe, wie im Mythos von dem Knaben, der sich in sein Spiegelbild in der Quelle verliebte und ertrank”.

Das reicht vielen Psychologen und auch “unstudierten” Menschenkennern als “mythologischer Bezug”. Die Wahrheit, dass dieses verwässerte Mythologem, dieses “(halbe?) Bruchstück eines Mythos”, Teil eines Gesamtkunstwerks ist und eigentlich nur innerhalb “des Ganzen” sich entfalten kann, wird allzuoft abgewehrt.
Gleichzeitig wird die moderne Gesellschaft mit Versatzstücken für moderne Sagen in digitalen Versionen überflutet. Gegen ein “kleines Entgelt” werden neue Mythen und Epen aufgeführt und in den Gesellschaften wimmelt es von selbstverliebtem Führungspersonal; der Sieg des Egoismus spaltet Mikro- und Makrogemeinschaften, “… und man sieht nur die im Lichte, die im Dunklen sieht man nicht” (B. Brecht, Dreigroschenoper).
Wo Sieger sind, muss es auch Verlierer geben, doch folgt das Spiel den Regeln des Narzissmus?
“Welches “Spiel” und welche Regeln? Was, außer “Wer zu tief in die Quelle schaut, wird darin ertrinken” ist dabei zu beachten? Außerdem: Ich muss da doch nicht mitspielen?”

Ich sehe hier einen gewissen Bedarf, den Mythos zu rekonstruieren. Mythen sind ja bloß Geschichten, vorwiegend in sprachlicher Form.
Dabei werden Symbole und Begriffe verwendet, die häufig ähnlich verstanden und interpretiert werden, aber eigentlich nie gleich. Beim Mythos handelt es sich um ein komplexes Konstrukt vielfältiger Symbolik, die zudem – wie die Traumsymbolik – unbewusst und verschlüsselt ist. Es geht um Zusammenhänge auf unterschiedlichen Ebenen – da sollten im Prozess des Verstehens Puzzlestückchen zusammengefügt werden, müssen machmal im “leeren Raum” geparkt werden, so dass allmählich ein dreidimensionales Bild entsteht, das sich allerdings nicht statisch verhält, sondern als lebendiger Organismus durch Raum und Zeit wabert oder seine Bahnen zieht…

Theben und Ödipus haben keine große Bedeutung mehr, bei Narziss und vielleicht auch Boötien soll das anders sein; wenn große Bedeutung auch “tiefe Bedeutung” heißt, finden wir sie unmöglich an der Oberfläche, was sich also “innen” findet, das werden wir schon seh’n.

Mit der Andeutung, dass es beim Narzissmus um ein ungewöhnliches Puzzle handelt, habe ich die Rechtfertigung, keine Komplettlösung anzubieten, vorbereitet. Es gibt hier nur Bausteine für den Erwerb des jeweils selbst zu erstellenden Begriffs – geeignetes eigenes Material darf das Vorhaben ergänzen.

Die Form der Aufsatzsammlung hat hierbei den Vorteil, dass sie keine “Abhandlung” ist.

 

Klassiker

Ovid bei den Buddenbrooks – Metamorphosen – Der blaue Engel und die Selbstliebe – Pythagoras und die Seelenwanderung – Dädalus, Icarus und die Menschenrechte

 

Die ZEIT mit Freud, die Zeit des Narzissmus

Psychoanalyse vs. Populärpsychologie – Das Freudsche Vermächtnis – Psychovokabular – Nostalgische Sehnsucht nach Autorität – Kampf ums Selbstbild – die Freudsche Ovidphobie

 

Narzissmus bei Frauen, Narziss und Echo

Frauen sind so… – Wahrnehmung und Perspektive – das Vergnügen, sich zu gefallen – Esprit – Liebeskunst – die Botschaft auf dem Apfel – Narziss und Echo

 

 

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