September 19, 2020
von sketchnet
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Spiegelungen, Narzisstische Mütter, Despotische Führer

Der schönste Narziss-Mythos der Welt

 

Paolo Coelho beginnt sein  Erfolgsbuch Der Alchimist mit einer Erzählung :

Als Narziss starb, verwandelte sich die Quelle seiner Freuden von einer Schale voll süßen Wassers in eine Schale voll salziger Tränen, und die Bergnymphen kamen weinend durch den Wald, dass sie zur Quelle singen und dieser Trost geben konnten.
Und als sie sahen, dass die Quelle von einer Schale voll süßen Wassers sich in eine Schale voll salzige Tränen verwandelt hatte, da lösten sie die grünen Flechten ihres Haares und sprachen weinend zur Quelle: „Wir wundern uns nicht, dskeas du auf diese Weise um Narziss trauerst, – so schön war er.“
„War Narziss denn schön?“ fragte die Quelle.
„Wer sollte das besser wissen als du?“ antworteten die Bergnymphen.
„An uns ging er immer vorbei, dich aber suchte er auf und lag an deinen Ufern und sah auf dich hinab, und im Spiegel deiner Wasser spiegelte er seine eigene Schönheit.“ Und die Quelle antwortete:
„Aber ich liebte Narziss, weil, wie er an meinem Ufer lag und auf mich niederblickte, ich im Spiegel seiner Augen stets meine eigene Schönheit sah.“

 

Lange hatte ich gedacht, Coello hätte hier aber die alte Mythen-Version stark umgedichtet, beließ es dabei, dass jeder mit alten Geschichten verfahren darf, wie er will, schließlich ist jede neu entstandene Version als neue Interpretation zu verstehen, die dem Publikum zusagen kann oder nicht.  Im Nebensatz eines Nebensatzes hatt Coello  erwähnt, dass sein Erzähler die Version von Ocar Wilde wiedergibt.
Der Narzis-Mythos aus den Metamorphosen des OVID muss hier draußen bleiben, fast, als bekenne man sich prinzipiell nicht zu OVID – aber was ist das für ein Prinzip?

Bemerkenswert fand ich an der Neuschöpfung, dass das Phänomen der doppelten Spiegelung, des gespiegelten Spiegels auftaucht, hier einmal mit den Augen als menschlicher Spiegel – des Spiegels, der derart urplötzlich beseelt ist und sogar sprechen kann.

Wahrscheinlich kennen wir alle das optische Phänomen, dass wir uns, bei geeignetem Abstand und am Ehesten bei gedämpftem Licht, in den Augen des Gegenübers spiegeln und umgekehrt – genauer gesagt in der in der Dämmerung geweiteten Pupille.

“Oder wissen Sie nicht, dass Pupille Kindchen bedeutet, dass also das Auge Symbol des Weibes ist, weil man sich im Auge klein widergespiegelt sieht?”

In: Groddeck, Georg: Das Buch vom Es; psychoanalytische Briefe an eine Freundin, Ullstein o.J., S. 175

Bei dieser Aussage über zwei Sachverhalte fällt ein, dass das englische “pupil” ja “Schüler” bedeutet, und wenn schon ein sprachlicher Ur-Zusammenhang Pupille-Kind besteht, ist auch der letzte Teil (aus eigener Erfahrung?) nachvollziehbar; die “Ur-Spiegelungserfahrung” in den mütterlichen Augen anzunehmen. Ob das Auge “Symbol des Weibes” ist, können wir auch offen lassen. Sich in den Augen des Anderen zu spiegeln, ist jedenfalls ein “Prozess auf Gegenseitigkeit”, vielleicht mit narzisstischen Elementen wie Quelle und Spiegelbild verknüpft, vielleicht mit gegenseitiger “narzisstischen Zufuhr”, irgendwie…

“Das also hat schon Coello erkannt” sollte man jetzt nicht sagen, denn Coello hat bei Oscar Wilde, aus dem “Bildnis des Dorian Gray” zitiert, und bei der freien Schilderung so einer “Szene an der Quelle” wird er es nicht angemessen gefunden haben, seine Quelle wissenschaftlich, mit (Autorenname/Jahreszahl/Seite) zu kennzeichnen.

Man kann sich auch nicht alle Quellen-Daten merken, und heutzutage lebt es sich mit der Annahme, dass nicht jedes “Copy und Paste” gleich ein Plagiat sein wird, einfach unbeschwerter – könnte man annehmen.
Die  lebenswichtigen “Elixiere des Lebens”, die Emotionen wie “Bindungsgefühl, Sexualität, Aggressivität, Scham, Schuld, Angst, Trauer, Sinnenfreude, Entspannung, Neugierde und vieles” formen sich nachgeburtlich aus, und wenn ihre Entstehung im Zusammenhang mit der Urspiegelung steht, hängt viel von der jeweiligen Art dieser Spiegelung ab – wir dürfen den Passus , dass “…   ich im Spiegel seiner Augen stets meine eigene Schönheit sah” als Hinweis auf das Bedürfnis der Quelle nach Bewunderung und (Selbst-) Spiegelung verstehen, also auch für die Quelle einen “narzisstisch getönten Charakter” annehmen. Scheinbar hatte die Quelle Narziss betrachtet, doch eigentlich sich selbst bespiegelt, oder gespiegelt, vielleicht in Verbindung mit einer Portion Verklärung.

 

 

Narzisstische Mütter

Stellt sich innerhalb der heutigen Jugendpsychiatrie und Psychotherapie die Frage, was narzisstische Müttter  sind und wie sich das äußere, erhalten wir diese Auskunft:

“Narzisstische Mütter sehen in ihren Kindern sich selbst. Sie lieben ihre Kinder ungemein, sie lieben, wie die Kinder sie bewundern.”

Das Kind spiegelt sich in den Augen der Mutter – und die Mutter spiegelt sich in den Augen des Kindes.
Während Kinder ihre Eltern noch “unbedingt” lieben, kommt es vor, dass die Bedingung, unter der sie geliebt werden, lautet: “Nur wenn du dich so entwickelst,  dass es deinen Eltern gefällt, und du unsere Sehnsüchte stillst” – wir ahnen, dass das auf entsprechend angepasste, zurechtgestutze junge Menschen herausläuft, auf “Persönlichkeitsentfaltung im Spalierobst-Maßstab”.
Aus einer Zitate-Sammlung:

“Was uns krank macht, ist das Undurchschaubare, die Zwänge der Gesellschaft, die wir durch die Mutteraugen in uns aufgenommen haben und die wir durch keine Lektüre oder Bildung loswerden können.”
Alice Miller: Das Drama des begabten Kindes, 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1983, S. 160

 

Nehmen wir also beruhigt an, dass es Mütter gibt, die sich wie die Wilde’sche Quelle in den Augen des Kindes spiegeln, und dass es Kinder gibt, die sich in den Augen der Mutter entdecken (die ja einen eigenartigen Glanz ausstrahlen), spiegeln und dabei fasziniert sind. “Spiegelung” hat ja so viele Aspekte…

“Vor Glück strahlen”, eine positive  Ausstrahlung haben, wenn sich das ergibt, ist es allgemein erfreulich, wenn es in der Mutter-Kind-Dyade entsteht, hält doch die Ausstrahlung auch darüber hinaus an.
Ohnehin kann es im biologischen Programm angelegt sein, Mutterschaft zu belohnen; vielleicht hormonell vermittelt, scheint es rund um Schwangerschaft und Mutterschaft emotionale Gratifikationen zu geben, die auch auf das soziale Umfeld überspringen und  bei der Begegnung mit einer Schwangeren oder einer Mutter mit Kleinkind ein Lächeln auslösen können.

Die Spiegelung ist eine “optische Rückmeldung”, die zwischen Kind und Erwachsenem stattfinden kann – angeboren oder erworben  ist eine Art Reflex, der das Kind, wenn es ein menschliches Gesicht erblickt, lächeln lässt: Das “Drei-Monats-Lächeln”.

 

 

Donald Trump und die narzisstische Mähne

Eine Mutter, die „geisterhaft abwesend“ erschien, so dass  “… die Beziehung zwischen Mutter und Sohn offensichtlich von Distanz geprägt war”, sei Mary Anne MacLeod Trump, die Mutter von Donald Trump, dem 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewesen, heißt es. Wenn dessen Nichte, Mary Trump, ein Buch schreibt, in dem sie ihren ihren Onkel als  “… verlogenen und kaltherzigen Narzissten mit einer komplizierten Familiengeschichte” beschreibt, dürfte es sich mal wieder um einen Fall von “Supernarzissmus” handeln, doch welche Familiengeschichte ist nicht irgendwie kompliziert? Unkompliziert ist es wiederum, aus dem überall verbreiteten Tratsch und Klatsch in prominenten Kreisen Kapital zu schlagen.

Donald Trump zum Narzissten zu erklären und zu meinen, damit sei alles erklärt, ist eben eine Verkürzung, die nicht viel erklärt. Die Geschichte des “Citizen Trump“  zu erzählen, wie sie ist und war, wird dabei nie alle Aspekte des Geschehens abdecken können – entscheidend war vielleicht, dass die Wähler auf das scheinbar Positive beim “America First” hereingefallen sind, nachdem Obamas “Yes, we can” nur bewiesen hat, dass die Ansprüche und Erwartungen sowohl  der waffenvernarrten “Bildungsbürger” als auch der wirklich Unterpriviligierten vom System nicht erfüllt werden.
Donald Trump, konzentriert, während eines Interviews

“Person, woman, man, camera, TV”, also fünf Begriffe muss man sich erst einmal merken können! So erklärt es Donald Trump fast zwei Minuten lang in einem Interview, so dass man meint, in einer Endlosschleife gelandet zu sein, und der Interviewer lässt seinen Präsidenten in Ruhe ausreden.

Trump ist nicht echt, sondern ein schlechter Schauspieler, der mit der Rolle, die er “zufällig” spielen wollte, nicht mehr klar kommt. Eine schlechte Kopie auch seine Frisur:

Dieser Narziss, geschaffen von einem Künstler mit eingängigem  Namen – “Tischbein” – befindet sich im Besitz des Landes Hessen.

 

Es war mal in Mode, eine Handvoll von Führungspersönlichkeiten – wie Mao, Stalin, Hitler, Trump und so weiter (auch Napoleon muss hier genannt werden) anzuführen und sodann über “narzisstische Persönlichkeitszüge” mehr oder weniger empört zu referieren. Darf es auch eine Nummer kleiner sein?

Es darf – im folgenden Artikel; “Narzismus vor der eigenen Haustür” heißt der dann, vielleicht.

 

 

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Übersicht:
Ovid, Der Narzissmus-Komplex, Episoden

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April 29, 2020
von sketchnet
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Kichererbsen-Tempeh, Kichererbsentempeh-Bratlinge, Kichererbsentempehkaiserburger…

Bei der Tempeh-Zubereitung gilt es, Grundlegendes zu beachten, Hinweise zu den Grundlagen liegen meist nur in kryptischer Form vor wie

“My tempeh is usually finished by 24 hours, using R oligosporus, which takes less time than R oryzae, and incubating at 30° to 32°”

- aber mit ein wenig Einarbeitung kann auch das weiterhelfen. Anders gesagt: Die Tempeh-Herstellung ist kein Hexenwerk, sondern Erfahrungs- und Übungssache abseits des Mainstreams und ist somit mit einer gewissen Spannung verbunden.

 

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April 11, 2020
von sketchnet
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Philemon und Baucis – Dominanz und Machtbalance

Latein und Bildung stehen in einem merkwürdigen Zusammenhang. Unsere Ärzte brauchen die “ausgestorbene” Sprache, um Diagnosen zu stellen, die der Patient sich noch übersetzen lassen muss – eine “misere vivere” als “nicht auf Rosen gebettet sein” ist kein Grund für eine Krankschreibung, wenn auch bedenklich, besonders in der fortgeschrittenen Form.

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März 29, 2020
von sketchnet
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Tempeh – Vielfalt einer Fleischalternative

“Tempeh” – das ist zunächst ein Produkt; “etwas zum Essen”, etwas besonderes, weil hierzulande unbekannt – und damit eine Möglichkeit, ungefähr so, wie es sich mit der Kartoffel einmal verhalten hatte:

Wie man es schafft, ein Volk von den Vorteilen eines Lebensmittels zu überzeugen, das diesem Volk unbekannt ist?

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Februar 25, 2020
von sketchnet
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Die Faschistische Propaganda, Die Europa und Der Vogel – Beschiss

Die Politik gibt in letzter Zeit, wie eigentlich immer,  Anlass zur Besorgnis:

“Thüringen und Kemmerich” standen letztlich für eine gravierende Begriffsverwirrung hinsichtlich “libertär”, “liberal” und “neo-liberal” oder auch “rechts” und “links”.

Wir wissen nicht, was der Interims-Ministerpräsident beim Händedruck mit Bernd Höcke empfand – konnten in der Zeitlupe nur sehen, wie mal der eine, mal der andere Kopf sich vor dem Gegenüber (ver-) neigte, mal wirkte der eine nicht so recht glücklich, mal der Andere hochmütig, mal artig und devot. Zu Glückwünschen bestand dabei kein sachlicher Anlass, woran auch der Blumenstrauß zu Füßen des MP nichts ändern konnte.

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November 9, 2019
von sketchnet
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OVID, Der Narziss-Komplex, Episoden

“Narzissmus” – das Phänomen ist doch bekannt, Narzissten gelten als kontraproduktiv, oder als kreativ, und man kann lernen, sie zu erkennen: “Wenn man sie anschaut, ist das, wie in einen Spiegel zu schauen, der Dich nicht reflektiert”, lautet eine Erklärung, und neben dem gesunden Narzissmus ist uns “Narzissmus” als der Name einer psychischen Erkrankung bekannt. Was also ist Narzissmus wirklich, und wo, wie, wann und warum?
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Juni 30, 2019
von sketchnet
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Habermas, Frankfurt 2019

Mit den Stichworten “Habermas – Vortrag – Frankfurt – 2019″ kommt jede Suchmaschine zurecht und zeigt Artikel zum Ereignis an. Dass es einen Feueralarm gegeben hatte und 700 Personen das Gebäude verließen ist bei den Ergebnissen ziemlich weit oben eingereiht, doch keine Angst:

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Juni 17, 2019
von sketchnet
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Reiskocher, Multicooker, Energiesparwunder in der Küche

Der wärmeisolierte Kochtopf im Zusammenhang mit komfortablem und energiesparendem Kochen war mal ein interessantes Thema, aus dem praktisch abgeleitet werden kann, dass ein Multicooker, in unseren Küchen noch ein Exot, zu empfehlen ist, weil wir damit Zeit und Kosten sparen können. (Für normale Schnellkochtöpfe ohne Wärmeisolierung liegt ein Testbericht der Stiftung Warentest vor, wo 30% Energieersparnis genannt werden.)

Mit wärmeisolierten Kochtöpfen kommt die Ersparnis von rund einer halben Milliarde Kwh/Jahr zusammen, die Umwelt würde von ungefähr 285.000 Tonnen CO2 entlastet. Die Ersparnis mit dem Multicooker, der auch Dampfdruck “kann”, wäre noch höher. Zum Vergleich:
Ein Tempolimit von 120 Stundenkilometern auf deutschen Autobahnen würde gut das zehnfache einsparen.

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