Die ZEIT mit FREUD, die Zeit des Narzissmus

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Es braucht keinen Anlass, um Sigmund Freud zu würdigen, das Thema “Psychoanalyse” wird immer mal wieder in die Diskussion gestreut, auch, damit Freud und Psychoanalyse nicht so ganz in Vergessenheit geraten.
2018 war  bei der ZEIT am 22. Dezember  der Freud-Termin:

Wer bin ich? Wer bist du?

Sigmund Freud hat mit seiner Theorie des Unbewussten die Psychologie revolutioniert. Sein Vermächtnis ist bis heute in allen Fasern der Gesellschaft spürbar – und relevant.

Das  muss eine Revolution mit Gegenrevolution gewesen sein – die Psychologie von heute ist ja häufig nur Erfüllungsgehilfin der Märkte, mit der mächtigen Statistik als Werkzeug, für Aussagen wie “Personen, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch jenen”.

Auch jene Psychologen,  die Nervenärzten zuarbeiten, deren Behandlung im Verschreiben von Psychopharmaka besteht,  werden nicht bewusst mit “dem Unbewussten” umgehen. Unzählige Psychologen betreiben Therapie, Beratung, Coaching  für jenes Klientel, das sich die “therapeutischen Fachgespräche” (aus der Portokasse?) leisten kann.

Die Therapeuten-Vermittlung geschieht in den USA etwa per  “Psychology Today” (“Insight about everybody’s favorite subject: Ourselves”). Hier gibt es altmodische Lebensberatung wie (früher?) in besseren Frauenzeitschriften:

  • 10 Ways to Chill and Achieve Success and Happiness in 2019 Life-changing tips to increase your productivity and joy in the New Year. How reframing your priorities and cultivating mindfulness can help you be happy and productive in 2019

Bei diesen Psycho-Tipps, ein glückliches Leben zu führen oder zu finden werde ich an10 Tipps für eine bessere Ernährung” erinnert – wenig davon bleibt hängen; um aus solchem Rat eine Gewohnheit zu machen, braucht es viel Übung, und überhaupt ist es “peinlich”, dass solche Tipps einerseits nötig sind, andererseits kaum wahrgenommen werden. Solche “psychologische Beratung” hat etwas von “caring” – und kann als Hinweis dafür gesehen werden, dass es um die “Selbstfürsorge” der Adressaten nicht gut steht.

Was das Freudsche Vermächtnis betrifft: Da gibt es einen Unterschied zum “Erbe”, und “Ein Vermächtnisnehmer braucht keinen Erbschein”.  Wir brauchen uns folglich keine Sorgen um Die  Nachfolger Freuds zu machen; das Buch gleichen Titels enthält:

  • Leben und Werk von Anna Freud von Roland Besser
  • Heinz Hartmann und die moderne Psychoanalyse von Herbert F. Waldhorn
  • Das Werk von Melanie Klein von Ruth Riesenberg
  • Michael Balints Beitrag zur Theorie und Technik der Psychoanalyse von Manon Hoffmeister
  • Das Werk von Erick H. Erikson von Edward C. Adams
  • Das Werk von D.W. Winnicott von M. Masud R. Khan
  • Das Werk von Wilhelm Reich und seinen Nachfolgern von Wolf E. Büntig
    “Dem Reich hats gereicht”
  • Die Neo-Psychoanalyse von Harald Schultz-Hencke von Esther und Wolfgang Zander
  • Das psychoanalytische Werk von Karen Horney, Harry Stack Sullivan
  • Erich Fromm von Gerhard Chrzanowski

Was diese Damen und Herren uns vermacht haben, ist Literatur, was wir mit ihrem Vermächtnis anstellen, unsere Sache. Goethes “Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen” könnte hier die Richtung andeuten. Das Interessanteste steht vielleicht zwischen den Zeilen – selten geht es in dieser Literatur darum, die Phantasie zu beflügeln – wobei andererseits auch die Kategorie “psychoanalytischer Roman” erwähnt sei – und hat nicht auch Hitchcocks “Psycho” etwas mit dem Unbewussten zu tun?

Im ZEIT-Artikel heißt es eingangs:

Verdrängung, Übertragung, Projektion, Ödipus-Komplex, Neurose – Sigmund #Freud hat unser Vokabular über die Psyche geprägt wie kaum ein anderer. Seine Theorien prägen noch heute Psychologie, Soziologie und viele andere Wissenschaften.

“Das Vokabular der Psychoanalyse” heißt auch ein zweibändiges Nachschlagewerk, das garantiert mehr als fünf Artikel umfasst. Herausgegeben von Alexander Mitscherlich, dessen Beitrag zum Verständnis der Gesellschaft am deutlichsten wohl in seinem Buch „Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft” (1963) bestanden hat – zum Mangel an Vaterfiguren hatte Paul Federn bereits 1919 publiziert.

Nur wenige Tage nach besagtem ZEIT-Artikel erschien beim GUARDIAN ein Artikel von Suzanne Moore:

If we want a different politics, we need another revolutionary: Freud

Als Bildunterschrift steht da, Freud zu lesen sei ein Anfang, zu verstehen, wie es zum “Konzept des modernen Menschen” gekommen ist. Nach Marx führt “reflection” zu streitbaren  Klassen-Beziehungen. Unvereinbare, antagonistische Positionen auf Grundlage des Klassenbewusstseins führen eigentlich zur Revolution – nicht aber, wenn “Klassenkampf” ein Unwort und undenkbar ist.

Aus Sicht der Linken begeht die “Arbeitende Klasse” den Fehler, sich nicht als Klasse wahrzunehmen, nicht zu tun, was die Partei für richtig hält und beschließt. Gibt es einen Zusammenhang mit dem Unbewussten? Und ist der bei Freud zu finden?

Ja. Die Sehnsucht nach Autorität ist menschlich. Er hat uns über Narzissmus, Repression und Nostalgie aufgeklärt, meint Suzanne Moore, und dass “patriarchale Gesetze” (wie) unbewusst durchgewunken werden, könne auch mit der Psychoanalyse erklärt werden.

In der Praxis lässt so manche politsche Richtungsentscheidung sich sehr anschaulich  mit “Nostalgie” –   gewissermaßen also psychoanalytisch – erklären:

Im Grundgesetzt ist kein Recht auf Arbeit verankert und keine Partei wird dieses “ungeschriebene Recht” durchsetzen. Dass eine politische Leitfigur eine relativ komplexe Alternative zu “Hartz4″ als “bezahltes Nichtstun” abtut, vergrault Wähler*innen – hier über unbewusste Motive nachzudenken oder zu spekulieren: Das

  • gehört sich nicht ;-)
  • ist schwierig
  • ist ein weites Feld.

Zudem mag es Motive geben, die nur von außen unbewusst wirken, aber einem Schröder, einer Nahles oder einem Kühnert selbst recht bewusst sind. Im politischen Bereich geht häufig um “Ideale und Werte” – da liegen unbewusste Identifikationen nahe.

Damals wie heute dauert eine theoretische Einführung in die Psychoanalyse gut und gerne ein, zwei Semester und die sind wohl nur der Anfang – würde man das “Bedingungslose Grundeinkommen” bei einer/em  Analytiker auf die Couch legen, wäre der Erkenntnisgewinn immer noch unter der Bedingung therapeutischer Verschwiegenheit geheim, wobei laut Plan sich beide Seiten während der Behandlung ändern, bessern würden…
Für unsereins bietet der Zeit-Artikel an, sich über “Fünf [Kern-] Begriffe aus Freuds Gedankenwelt” zu unterrichten:

  • Verdrängung
  • Verschiebung
  • Schizoides Beziehungsverhalten
  • Gegenübertragung
  • Ödipus-Komplex

Das kann alles ganz kurzweilig und vielfältig erläutert werden, ist jedoch erst der Anfang der Schulung in psychoanalytischer Theorie – mehr am Schluss des Artikels findet sich ein Satz, der unsere Aufmerksamkeit verdient:

“Sigmund Freud und seinen Schülern zufolge haben wir alle eine narzisstische Seite.”

Ist das wichtig, kann das weg? In der offenbar älteren Systematik der Kernbegriffe hatte “der Narzissmus” noch keinen Platz, nun wirkt er wie ein Anhängsel, über dessen Wert sich nicht viel sagen lässt.

Tobias Hürter illustriert unsere “narzisstische Seite” mit der Bemerkung, nie würden die anderen viel  von uns verstehen, immer nur eine Karrikatur mitkriegen.
“Daher sind wir die ganze Zeit darum bemüht, diese Karikatur zu pflegen, in der Hoffnung, dass die anderen uns doch noch verstehen werden…”.

Wer sich gerade unverstanden fühlt, mag diese Worte als Balsam für die Seele empfinden – doch hat die Macht der Zuschreibungen durch Andere so viel mit “Narzissmus” zu tun? Ist die Erkenntnis, dass Verhalten als Anpassung an Erwartungen interpretiert werden kann, nicht eine Kränkung? Und warum sollten “wir uns” einem falschen Zerrbild angleichen, wenn “wir” so mit Sicherheit falsch “gesehen” werden?

“”Die der Außenwelt entzogene Libido ist dem Ich zugeführt worden”, erklärte Freud den Narzissmus.”

Bei all der Repression, trotz allem Autoritätsglauben muss ich hier widersprechen: Die Erklärung mit der hin- und hergeschobenen Libido ist keine umfassende Erklärung. Zwar ist eine psychische Energie – oder auch “Lebensenergie” -  anzunehmen – dabei wird es sich nicht um die Lebensmittel-Kalorien handeln, und die uralte Annahme, wir seien “beseelt”, ist für einige Überlegungen “praktisch” – doch damit kann ich noch keinen Narzissmus “erklären”, wenn überhaupt.

Die Massen interessieren sich für Massenereignisse, für Weltmeisterschaften und Wahlen, und außerdem für “Narzissmus” – wobei sich lange Zeit auch ohne die psychologische Kategorie “Narziss-mus“,  diesen “-ismus” auf Basis eines Mythos über einen eigenartigen Jüngling leben ließ.

Doch es scheint, als habe der Narzissmus dem Ödipus-Komplex den Rang als psychoanalytisch zentralter Begriff abgelaufen. Allerdings:

Der Begriff wird in einem großen Bedeutungsbereich verwendet – das reicht von gesunder Selbstliebe über milde Selbstverliebtheit, Egoismus, Egomanie und pathologischem Narzissmus bis hin zu Psychopathie. Eine derartige begriffliche Unschärfe kann kaum im Sinne des Erfinders liegen – vielleicht hatte FREUD einen Begriff erschaffen, der wenig taugt? Von der Begriffs-Einführung an bis zur Verwendung in der “Massenpychologie” hatte der erfundene, also auch nicht wiederentdeckte Begriff sich ständig gewandelt und, “passend gemacht”, als  nützlich erwiesen.

Weil “Narzissmus” so vieles erklärt, zumindest benennt im Sinne von “etikettiert”, ist der Begriff häufig unverzichtbar geworden – um das “Gegenstück”, den “universellen Ödipuskomplex”, wird es leiser.

Für Letzteren lässt sich sagen, dass das zugrunde liegende Drama um das Rätsel der Sphinx, Vatermord und Heirat der Mutter von Sophokles stammt – es wird auch im hier und jetzt gelegentlich zur Aufführung gebracht.

Beim “Narzissmus” gibt es kein entsprechendes Drama – wir begügen uns mit der verkürzten Darstellung eines Mythos, denn das Bild des Jünglings an der Quelle, der sich unsterblich in sein Spiegelbild verliebt, es nicht greifen kann und stirbt, scheint unmittelbar einzuleuchten, jedenfalls auszureichen. Dass es kein eigenständiges Narziss-Drama gibt, sondern “nur” einen in ein Gesamtkunstwerk (die Metamorphoden des OVID) mehrfach verwobenen Mythos, sollte uns bewusst sein: Das Gewebe ist mehr als die Summe der Fasern ;-)

Dass FREUD nie den OVID genannt hat, lag wohl nicht an seinem Nicht-Wissen, sondern an der narzisstischen Kränkung durch ein Werk, das das ganze “Panoptikum des Unbewussten und Geheimen” freimütig, dezidiert und systematisch ausgebreitet hatte.
Unser Verhältnis zu den Klassikern spiegelt die Art, wie diese uns vermittelt worden sind. Unsere Beziehung zur Überlieferung erscheint wie gekappt – wo sich niemand auf die Überlieferung und deren Quellen (mehr) bezieht, herrscht kulturelle Dürre.

 

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