Narzissmus, Haller: Narzissmusfalle

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“Narzissmus” ist ein wissenschaftlicher Begriff, der aus der Mythologie stammt und sich einer genauen Definition entzieht.

Vage Definitionen – etwa:

“Narzissmus ist eine Art von Selbstliebe, kann gesund oder auch pathologisch sein, wobei sowohl ein zu viel als ein zu wenig bedenklich sind”

haben eine gewisse Unschärfe, und wer dabei die Klarheit des Adlerblicks vermisst, wird noch andere Sinne als den Gesichtssinn einsetzen müssen, um den beschriebenen Gegenstand zu begreifen. Es geht um Selbstwert, Selbstbild, Eigenwert, Wichtigkeit der eigenen Person. Reinhard Haller hat dem Narzissmus ein Buch gewidmet, in dem er als philosophische Perspektive Platons Sicht der Dinge darstellt:

“Das größte von allen Übeln ist den meisten Menschen in der Seele eingeboren, dass jedermann sich selbst verzeiht und daher nicht auf Mittel sinnt, ihm zu entrinnen. Es ist das, was man mit der Behauptung meint, dass jeder Mensch von Natur sich selbst lieb und wert ist und dass es in Ordnung ist, dass er so sein muss.

In Wahrheit aber wird dies für jeden jederzeit zur Ursache aller Fehltritte wegen der übergrpßen Selbstliebe.

Denn der Liebende wird blind für das, was er liebt, sodass er das Gerechte, das Gute und Schöne falsch beurteilt, weil er das Seine stets höher als das Wahre schätzen zu müssen meint;
denn nicht sich selber noch das Seine muss derjenige lieben, der ein großer Mann werden will, sondern das Gerechte, mag es nun bei ihm selbst oder bei einem anderen mehr geübt werden.
Von eben diesem Fehler rührt auch der her, dass die eigene Unwissenheit allen als Weisheit erscheint; die Folge ist, dass wir, während wir, genau gesagt, gar nichts wissen, dennoch alles zu wissen glauben, und weil wir nicht anderen das, was wir nicht verstehen, auszuführen überlassen, begehen wir unvermeidliche Fehler, wenn wir es selbst ausführen. Darum muss der Mensch die allzu große Selbstliebe meiden und stets demjenigen nachstreben, der besser ist als er, ohne irgendeine Scham hierbei vorzuschützen.”

(Platon, 427-347 v.Chr.: Gesetze V, 731d – 732 b)

Es ist ein Irrtum, zu glauben, wir kämen mit dem rechten Maß an Selbstwertgefühl zur Welt und könnten nur sein, wie wir sind.
Tatsächlich ist gerechtes Handeln mit diesem selbstverliebten Irrglauben ein Glücksspiel. Fehlentscheidungen bei Dingen, von denen wir nicht wirklich viel verstehen zeigen eigentlich: Von den Erfahrenen, von Vorbildern  zu lernen ist keine Schande.

In der Tat ist es schwierig, heutzutage Platon zu interpretieren; schwierig ist auch die Interpretation des Mythos von Narzis und Echo – Haller legt sich nicht auf eine bestimmte Version fest, spricht von sieben Versionen – das sind mindestens sieben Interpretationen, und, wenn die Version fehlerhaft ist, jeweils eine Fehlinterpretationen.
Haller führt über 100 Zusammenhänge auf, in denen der Begriff Narzissmus gebraucht wird – “Cybernarzist”, “Komplementärnarzist”, “salonfähiger Narzissmus” und viele mehr – ob die inflationäre Verwendung des Begriffs sonderlich sinnvoll ist oder den Begriff eher entleert, sollte hinterfragt werden.
Ist “Narzissmus” eine psychische Urkraft, ist es eine Krankheit der heutigen Zeit und warum?

Haller bezieht sich zwar auf den Mythos, geht aber nicht auf die Hintergründe der Beteiligten neben Narziss ein – woher Tiresias seine seherische Gabe hatte, warum Echo nur antworten und nicht von sich aus sprechen konnte, bleibt außen vor. Narziss habe sich an der Quelle über “Tage und Wochen” gespiegelt’ – wissen wir’s? Wo bleibt die Logik des Mythos, wenn in einer immer wieder geschilderten Version Narziss ertrinkt, weil ein Blatt in den See gefallen ist? Wie wird aus einer Wasserleiche eine Narzisse? Was ist das Wesen einer Metamorphose?
Süchtige Selbstliebe als Diagnose des Narziss – eine Diagnose, die keine Heilung verspricht.

Wird Narzissmus zum gesellschaftlich angestrebten Ideal, und kommen die, die diesem Ideal nicht entsprechen, unter die Räder?
In der Ehe sieht H. eher den Mann in der narzisstischen Rolle – übersieht aber die klassische Narzisstin, die es auch gibt. Der Bereich Mode und Frisur-Styling – eine weibliche Domaine.

Das Phänomen “Amokläufer” kann man wohl wirklich nicht nur mit allgemein menschlicher Aggression erklären, und muss den Größenwahn, das erstrebte grandiose Selbst, in ein Konzept einbinden, das dann “Narzissmus” heißt, in dem Psychopathen narzisstisch aufgewertet werden.
Verwendet man das Konzept, muss man beim politischen Führer auch die Angeführten (das Echo) sehen.

Die Mythen kennen genügend Beispiele von Amokläufern, die wenig Ähnlichkeit mit Narziss haben, OVID schreibt Narziss einen “neuartigen Wahnsinn” zu, also gibt es im mythischen Weltverständnis auch den traditionellen Wahnsinn, den alltäglichen, und jeden Wahnsinn als Narzissmus zu bezeichnen, ordnet die Dinge keineswegs.

Univ.-Prof. Dr. Reinhard Haller spricht in der ORF Radio-Vorarlberg-Sendung „Focus“ über das Thema „Gott vergibt, ein Narzisst aber nie…“. Dabei erläutert er verschiedene Formen des Narzissmus.
http://vorarlberg.orf.at/radio/stories/2580816/

“Narzissmus ist mehr als nur Ich-Sucht und Egozentrik. Wesentlich für die narzisstische Persönlichkeit sind der Mangel an Einfühlungsvermögen, eine hohe Empfindlichkeit bei Kränkungen, die Abwertung von anderen Menschen. Es gilt heute fast schon als cool, lässig und erstrebenswert, nur noch die Ich-AG zu pflegen, rücksichtslos und unverschämt, ohne Rücksicht auf Verluste den eigenen Vorteil zu suchen und die Mitmenschen zu vernachlässigen. In seinem Vortrag gibt Primar Reinhard Haller eine kurze Anleitung zur Menschen- beziehungsweise Selbstkenntnis und Tipps zum Umgang mit dem großen Ego.”

https://www.youtube.com/watch?v=mZn7d3aqu0Y

Bei der Gelegenheit: Radio Vorarlberg hat noch viel Material zu bieten:

http://vorarlberg.orf.at/radio/stories/2577120/

Es gibt auch einen Vortrag zum Selbstwertgefühl:

Das Selbstwertgefühl ist die emotionale Bewertung des eigenen Wertes. Weil Gefühle aber nicht stetig sind sondern wechselhaft, deshalb ist es auch normal, dass das Selbstwertgefühl schwankt.

Dr. Boglarka Hadinger: Das Selbstwertgefühl ist ein Geschenk, das man nicht zufällig erhält

Ein Detail ist im Zusammenhang vielleicht besonders interessant: Das “Wert” in “Selbstwert” leitet sich aus der gleichen Quelle ab wie “Würde” – und das Wort Menschenwürde finden wir auch in den Metamorphosen, bei Dädalus und Ikarus.
Mag sein, dass in dem Zusammenhang auch neuartige Rechte – Menschenrechte – entstanden.

Gruppentherapie in den USA – wen’s interessiert: (Video)

Narcissism Disease of Self Hate, not Love

 

Und, danke für diesen Artikel, durch den ich auf das Buch aufmerksam wurde:

Literaturblog von Nomadenseele

Reinhard Haller – Die Narzissmusfalle: Anleitung zur Menschen- und Selbstkenntnis

 

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