Philemon und Baucis – rührseliges Märchen oder religiöser Mythos?

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Latein und Bildung stehen in einem merkwürdigen Zusammenhang. Unsere Ärzte brauchen die “ausgestorbene” Sprache, um Diagnosen zu stellen, die der Patient sich noch übersetzen lassen muss – eine “misere vivere” als “nicht auf Rosen gebettet sein” ist kein Grund für eine Krankschreibung, wenn auch bedenklich, besonders in der fortgeschrittenen Form.

Wenn schon das “kleine Latinum” als Zugangsvoraussetzung zum Studium verlangt wird, braucht es einfache Originaltexte, Fabeln etwa, oder Mythen, die beeindrucken und sich leicht merken lassen.
Die Entscheidung für den “altsprachlichen Zweig” und deren Folgen hatte ich als Kind kennengelernt, am Beispiel einer älteren Schwester, die gern ihren Wissensvorsprung demonstrierte und gelegentlich vor dem interessierten Rest der Familie referierte, was sie in der Schule, unter altphilologischer Leitung, durchgenommen hatte:

 

Vor allem erinnere ich mich an  diese Geschichte von Philemon und Baucis. Dass die aus den Methamorphosen des OVID stammt, in denen auch die maßgebliche Version des Narziss-Mythos notiert ist, hatte die Schwester mit höherer Schulbildung nicht erzählt, oder ich habe es mir nur nicht gemerkt.

Es ging jedenfalls um ein “älteres Ehepaar”, die hatten nicht viel Geld, waren wirklich arm und bescheiden, überaus gastfreundlich:

Einmal, als Jupiter  und Merkur inkognito, in Menschengestalt, auf Inspektionsreise unterwegs in einem “… Dorfe voll wohlhabender Einwohner…” wegen einer Übernachtungsmöglichkeit an den Türen anklopften, wurden sie nur von diesen Beiden eingelassen und in der armseligen Hütte von Philemon und Baucis mit dem Besten, was Speisekammer und Stall noch zu bieten hatten, bewirtet.
Die beiden Alten schlachteten für ihre Gäste sogar das letzte Huhn! Wahrscheinlich war in dieser Behausung auch der Wein knapp, doch die Becher füllten sich auf magische Weise immer wieder von selbst, für die Gastgeber ein sicheres Zeichen, dass sie Götter zu Besuch hatten, die sie, niederkniend, anbeteten.

Jupiter war zwar gerührt, doch sein Zorn auf die geizige Menschheit war durch das Beispiel des Ausnahmepaars ["Ausnahmen bestätigen die Regel"] nicht zu lindern, sie mussten auf einem Hügel in der Nähe miterleben, wie eine gewaltige Flut das Dorf überspülte und wie die Bewohner ertranken.

“Nur die Hütte des gastlichen Paares blieb stehen, und wölbte sich zum säulengetragenen Göttertempel. In diesem ferner den Göttern dienen zu dürfen und dann vereint zu sterben, ist Alles, was Philemon und Baucis erflehen, und gnädig gewährte der Göttervater diese fromme Bitte. Lange Jahre lebten als treue Hüter des Tempels die beiden Treuverbundenen, bis ihnen im hohen Greisenalter das Ende nahte. Aber Keines von beiden sah das Andere sterben, sondern zugleich wurden beide in starke Bäume, Philemon in eine Eiche, Baucis in eine Linde verwandelt, die vor dem Tempeleingang standen; und so umfingen sie einander mit dem Gezweig noch liebend nach der Verwandlung, und es rauschte das Lob der Gottheit durch die flüsternden Blätter.”

Dass bei jeder Eheschließung, dem “Bund fürs Leben”, auch mal kurz der Tod angesprochen wird, ist bekannt, der mächtige Ehescheider wird in diesem märchenhaften Mythos nicht, wie sonst logischerweise, zum Stifter des Witwen- oder Witwertums, diese göttliche Ausnahme-Gnade symbolisiert sicher auch die Endlichkeit dieser Beziehungen unter gewöhnlichen Sterblichen.

In New York können halbwegs fröhliche Witwen sich gemeinsam mit den veränderten Verhältnissen auseinandersetzen, und es gilt:

One of the hardest things about losing a partner? Eating alone

 

Die Beziehungen älterer Menschen sind einer gesellschaftlichen Dynamik, dem “Zeitgeist” ausgesetzt, der

“… hat im Verlauf weniger Jahrzehnte die Priorität der narzisstischen Werte gegenüber sozialen Werten favorisiert, und die Frauen haben unter dem Einfluss des Feminismus an Selbstbewusstsein gewonnen, aber an sozialem Interesse und Beziehungsfähigkeit verloren, die Männer dagegen an Selbstbewusstsein und sozialer Verantwortlichkeit. Diese Tendenz ist auch jedenfalls bei den jüngeren der alten Menschen angekommen. Der Beziehungsfähigkeit, auf die gerade alte Menschen angewiesen sind, ist dies nicht gut bekommen.”

Das Lebensalter, in dem das Rentnerdasein nur unproduktiv-Sein, nahe an “nutzlos”bedeutet, kann in eine depressive Resignation münden, wenn die soziale Einschätzung übernommen wird, und diese Selbstentwertung,  “… deren Ausdruck die Selbstvernachlässigung ist”,  ist auch im letzten Lebensabschnitt krank machend wie wenig Anderes.

 

Eine Beziehung zu führen, die von Toleranz und Respekt bestimmt ist – das ist Glückssache:

Geliebt wird nur, wem die Glücksgöttin Fortuna hold ist.

Diligitur nemo, nisi cui Fortuna secunda est. Ovid, Epistulae ex Ponto 2,3,23

Das findet sich in Zitatensammlungen, ist vielleicht ein anderes Thema, geht aber in einem Atemzug zur Endlichkeit über:

Heimlich und hastig entrinnt uns unbemerkt flüchtig das Leben – schneller ist nichts als die Jahre. Wir aber dachten, es wäre noch soviel Zeit.

Diese Darstellung von Philemon und Baucis, Jupiter und Merkur wird im Internet häufig verwendet, um Artikel über Gastfreundschaft zu illustrieren. Im US-amerikanischen Raum gerne nach der Devise “Was muss ich als perfekte Gastgeberin leisten oder bieten? Wie verhalte ich mich, wenn unverheirateter Besuch kommt, und ich nur ein Gästezimmer anbieten kann?” Wer das Bild wann gemalt hat, muss man dabei nicht angeben…

 

Die ausgewogene Beziehung

 

Man kann die Philemon-Baucis-Beziehung mit Maria Kraft (“Märchenhaft und mörderisch: Ehealltag im Märchen”, S. 153) als Leben

“…  in gleichberechtigter Partnerschaft … [betrachten]: “beide befehlen und gehorchen“, keiner muss eine dominante Position einnehmen, keiner muss sich dem Anderen unterordnen. … Ihre Armut … haben sie sich dadurch leichter gemacht, dass sie darüber offen miteinander gesprochen haben.”

Kraft nimmt an, dass Beide “… ganz offen über ihre “Fehler” gesprochen … und sie jeweils mit … ausgeglichenem Mut” ertragen – und sich gegenseitig eingestanden und dazu gestanden haben.

Inwiefern damit auch “kinky sexual interests” angesprochen sind, kann in einem “jugendfreien” Lateinunterricht kaum thematisiert werden, wird wahrscheinlich auch in der Ausbildung der Lateinlehrer*Innen unter den Teppich gekehrt.
“Sie öffnen die Tür für die unangemeldeten Besucher, heißen sie willkommen” – das bedeutet, “… sie haben sich auch eine Offenheit bewahrt für Beziehungen nach außen. Diese ausgewogene, gleichberechtigte Partnerschaft sollte nicht als statisches Konstrukt, sondern als “Beziehung in Bewegung” gedacht werden, funktioniert nur unter der Prämisse erworbenen Vertrauens und der Verlässlichkeit.

 

Es gibt in diesem Mythos wohl mehrere Themen nebeneinander;

  • Das Thema “Der Tod als Ehescheider und die eine Ausnahme”, das schnulzig-schöne Märchen  stellt auch nur klar, dass Ehe ohne Witwe/Witwer  ein “frommer Wunsch” wäre.
  • Die hier thematisierte Gnade des synchronen Todes führt vor Augen, wie asynchron es mit der Lebenszeit im Allgemeinen zugeht, wie endlich diese ist, und dass Eine(r) eigentlich immer alleine zurückbleibt, dass auch eine Ehe nicht wirklich vor Einsamkeit schützt, keine Patentlösung ist.
  • Die Schilderung des “einfachen Mahls unter den Bedingungen der Güterknappheit” könnte Anlass zu ausführlichen Erörterungen sein, gehören natürlich neben “Gastfreundschaft” und Menschenfreundlichkeit zum kulturellen Wertekatalog.
  • Das so kurz wie möglich angesprochene Prinzip von Befehl und Gehorsam könnte zu Gedanken über Machtstrukturen in Beziehungen, Akzeptanz von Dominanz und Unterwerfung führen.
  • Die Dynamik/Veränderlichkeit der gleichberechtigten Beziehung – den Anderen dauerhaft zu akzeptieren und zu einem Konsens der eigenen Wünsche und der Bedürfnisse des Partners zu finden, heißt auch immer wieder, Veränderungen zu integrieren. Jenseits des Mythos spielt dem erworbenen Vertrauen  (“erworbenes”) Mißtrauen entgegen;  Verlässlichkeit  wie bei der späteren “Ritterlichkeit” als Maxime kann sich auch auflösen.
  • Der “Obergott”, der bei den Menschen nach dem Rechten sieht und strafend für deren sozialen Umgang sorgen will, dabei auch noch seinen Sohn dabei hat: Das muss ja ein “religiöses Moment” sein. Ein von Männern geprägter “Himmel”, also Olymp: Das ist scheinbar mehr patriarchalisch als matriarchalisch, näher am Monotheismus als am Polytheismus.
  • Während Jupiters Beziehung mit Juno überhaupt gar nicht vorbildlich war, er mit seinen Eskapaden kompromisslos seinen Launen folgte, ist evident, dass bei Philemoon und Baucis Lust und Eheglück sinnvoller reguliert waren. Da Leugnen keine Beziehung verbessert, werden sie auch die Furcht, wegen geheim-gehaltener Persönlichkeitsanteilen beschämt zu werden, kommuniziert und überwunden haben.

 

 

Übersicht:
Ovid, Der Narzissmus-Komplex, Episoden
 
 
 

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