Narzissmus bei Frauen, Narziss und Echo

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Nehmen wir mal an, in der Endrunde einer Quiz-Show wie “Einer wird Millionär” ginge es um die Frage: “Frauen sind
– a: fürsorglich / – b: streitsüchtig /- c: narzisstisch / – d: liebevoll… “


Der Konflikt um die eine richtige Antwort wäre zumindest interessant, und dass von A bis Z gar nicht richtig klar ist, was das jeweilige Adjektiv eigentlich bedeutet, könnte sich in der Diskussion als kleinster gemeinsamer Nenner herausstellen. Es ginge natürlich um Geschlechterklischees – “Frauen sind lieb und kuschelig” wäre wohl eines der beliebtesten.

Anfang 2019 findet sich in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit Viv Albertine: “Viv Albertine, 64, war Punk, Aerobiclehrerin, hat Musikvideos gedreht, nach zwei Fehlgeburten und elf vergeblichen Hormonbehand­lungen ein Kind bekommen und sogar Krebs überlebt.”
Wie das so ist mit oder bei Mädchen, Frauen, Müttern, aus der Sicht der Autorin, während sie ihr drittes Buch schreibt:

“Es hat mir selbst Angst gemacht, ein Buch zu schreiben, in dem ich kein netter Mensch bin. Als ich das Buch halb fertig hatte, schrieb ich Eimear McBride, einer jungen irischen Schriftstellerin, schau, ich mache mir echt Sorgen, ich stelle meine schlimmsten Eigenschaften zur Schau, ich versuche nicht einmal, ein netter Mensch zu sein. Sie schrieb zurück, super, es ist Zeit, dass Frauen auf­hören, so zu tun, als wären sie so, wie die Männer sie gern sehen! Wir müssen den Männern und der Gesellschaft die Wahrheit darüber erzählen, wie es ist, eine Frau zu sein. Es ist nicht Lächeln, Flirten, Zustimmen. Es ist auch nicht gekünstelt Lächeln…”

Frauen sind also auch auf der Suche nach der Wahrheit. Ganz besonders die Autorinnen? Was ist mit dem weiblichen Narzissmus, mit der weiblichen, normalen oder übersteigerten Selbstliebe?
Mir fallen dazu einige Frauen ein, deren Selbst-Äußerungen nachlesbar sind: Anna Seghers, Christiane Wolf (“Nachdenken über Christa T.” war Deutsch-Lektüre), Ingeborg Bachmann, Anja Meulenbelt (“Die Scham ist vorüber”), Johanna Schopenhauer, Hedwig Courts-Mahler, Elfriede Jellinek.

Nicht wirklich repäsentativ ist es, diesen Autorinnen Männer wie Jack London, Karl May, Traven, Kerouac gegenüberzustellen, die die Suche nach “Abenteuer und Heldentum” im Repertoire führen.

Die Gegenüberstellung “männlich-weiblich” misslingt auch, je mehr Frauen traditionelle Männerrollen einnehmen, “Pilotin oder Astronautin” sollte hundert Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts nicht mehr lange exotisch wirken.
Bei Hannah Arendt harmonierte die Außenseiterrolle “Frau in der Männerwelt ‘Gericht’” mit ihren inhaltlichen Befunden: Männer hätten das Banale als Solches gar nicht wahrnehmen können. Sie hatte, offiziell als Journalistin, die “Banalität des Bösen” herausgearbeitet, als Prozessbeobachterin in Israel, wo der Fall Eichmann verhandelt wurde, eines gehorsamen, verantwortlichen, technokratisch funktionierenden Rads im Getriebe der Nazi-Herrschaft – in unserer Vergangenheit.

Ihre gedankliche Klarheit als außerordentlich zu bezeichnen, ist wohl gerechtfertigt.

Doch lenkt das Alles von der Fragestellung ab, ob und wie und auch warum Frauen narzisstisch sein könnten. Oder sind Frauen anders narzisstisch als Männer?

Kann sein, dass das vorwiegend Frauen interessiert, neben Mode und Frisurentrends – die schöne Frage

“Warum fällt es so vielen Menschen schwer sich selbst zu lieben? Ist es schlimm selbstverliebt zu sein?

findet sich in einem “Mädels-Blog”, die Antwort vermutlich auch, mehr oder weniger.
“Ich bin klug, schön und selbstbewusst” ist ein Motto, das merkwürdig in Richtung Konsum deutet, und diese Richtung verdankt sich dem Umstand, dass die “Monetarisierung” von Blogs direkt oder indirekt von Produktwerbung abhängt, so dass die weibliche Selbstinszenierung in den “sozialen Medien” diesem Auftrag folgt:

Schönheitsmittel” aller Art finden sich insofern in jedem Badezimmer und sind – denken wir an Drogerien und “exklusive” Parfümerien in den Einkaufsmeilen – Gegenstand einer globalen Industrie, die aus Chemie, Pflanzenextrakten und tierischen Substraten “Wundermittel” zusammenmixt, die eine strahlende Erscheinung bewirken (sollen).

“Wer sie auch sei – sich [zu] gefallen auch ist für [alle von weiblichem Geschlecht] ein Vergnügen; …
[wobei] (den Mädchen) besonders die Statur (“die eigene Gestalt”) “Theuer und werth ist”.” (OVID: Schönheitsmittel 2-31)

Dabei lautet die oberste Regel: “Ist gewinnend der Geist, Mädchen, gefällt das Gesicht”. Es geht schließlich nicht um Fassadenpflege, sondern um Schönheitspflege, und wahre Schönheit kommt von innen, kann zum Beispiel mit einer Gesichtsmaske gepflegt, aber nicht erschaffen werden.

Sie kann mit wahrhaft freiem, geistreichen Gespräch überzeugen, das spiegelt sich in der Sprache wider, die erlaubt, “Esprit” mit “veritable” und “libre” genauer zu bezeichnen.

 

Es gibt also ein Schönheits-Lehrbuch in Reimen, vor 2000 Jahren von einem Mann geschrieben. Die “Zielgruppe” sind doch die Frauen – sollte das “Frauen-Schönheits-Buch” nicht besser von einer Frau vorgelegt werden? Die könnte parallel als Modeberaterin mit Sätzen wie “Unser Styling für den Alltag könnte definitiv ein Upgrade vertragen, was meint ihr?” etwas sinnvolles weitergeben und die Konjunktur fördern…

Zuvor könnten wir das alt-römische Handbuch zur Schönheitspflege noch als Hinweis verstehen, dass sein Autor OVID sich wahrscheinlich mit sämtlichen Ebenen des Frau-Seins, “der Weiblichkeit” befasst hatte. Dazu gehört wohl eine “gehörige Portion” Einfühlung, zur Bestimmung der gesellschaftlichen Verhältnisse eine gewisse Distanz und Objektivität, zum Verständnis der Mythen und Regeln der Zeit gehört Unabhängigkeit und Wissen über deren Funktion und Entstehung.

Die Liste seiner Werke legt nahe, dass er dabei häufig die Perspektive gewechselt hat – und schon beim ersten Werk, den “Liebeselegien”, könnten wir rätseln, ob der “Gesang” einer fiktiven oder einer realen Geliebten gilt. Man könnte sagen, OVID lässt nichts aus, was die “heimlichen Vergnügungen” “verstohlenen Liebesgenusses” betrifft – natürlich mischt Cupido (Eros) kräftig mit (ELG 2-8/9) – das wäre aber doch noch zu überprüfen.

Das Buch mit dem schlichten Titel “Liebeskunst” ist auch schon mal als Lehrbuch, als “Erotodidaktik” bezeichnet worden, wobei dem Bezeichnenden vielleicht nicht ganz präsent war, was Didaktik bedeutet, welche Lernziele im Fach “Erotik” vorgesehen werden sollten, wie und mit welchen Methoden der Erotik-Lehrplan gestaltet werden könnte.
Da es bei OVID um die “gelingende Liebe” und – in “Heilmittel gegen die Liebe” – die Lösung von der pathologischen geht, also auch um die Pathologie des Liebeslebens, scheint die Frage nach Methoden, diesen Stoff zu vermitteln, doch eher anspruchsvoll zu sein.

Es gibt Indizien, dass Vieles hierzu bei OVID abgeleitet worden ist. So mahnt die Autorin eines Fachartikels mit dem Titel “Rules for Dating Your Co-Worker Without Getting Fired” (also ungefähr: “Worauf du achten musst, wenn Du mit einem/einer Kolleg*ìn etwas anfängst, ohne deshalb den Job zu verlieren”) abschließend:

So, while an office relationship isn’t necessarily a bad idea, it’s worth carefully thinking through the potential ending before it even starts.

Solche Weisheiten sind auf keinen Fall erst seit “Heute” im Umlauf, vielleicht, weil es um eine universelle Thematik geht: Im Zweifelsfall ist es auf jeden Fall wichtig, rechtzeitig und öfters darüber nachzudenken und zu sprechen – zum Beispiel über die angedachte, sinnvolle, machbare Dauer der Beziehung, die mit “casual dating” im Wesentlichen vermieden wird.

 

Die Darstellung aus der “weiblichen Perspektive” stellt OVID in den “Heroides” (~ “Heldinnenbriefe“) ausdrücklich in den Vordergrund.

“Wie geht es den Frauen, deren Männer die ach so entscheidenden Schlachten schlagen?” OVID hat sich mit dieser Frage befasst, beginnend mit Penelopes Brief an Odysseus (größere Darstellung).

“Da jede Heldin einen eigenen Ton hat und man laut las, konnte man nach Belieben in verschiedene Rollen wie die der Medea oder der Penelope schlüpfen. So konnte der Dichter wohl zu Recht behaupten, eine völlig neue Gattung [des Briefromans, "Ovid claimed to have created an entirely new literary genre of fictional epistolary poems."] geschaffen zu haben … . Als völlig neuartig erweist sich der Umstand, dass weibliche (Rand-)Figuren der Sagengeschichte das Wort ergreifen und damit altbekannte Ereignisse in einem neuen, ungewohnten Licht erscheinen lassen. So erhalten verlassene, vom Schicksal übergangene Frauen in den Heroides erstmals eine Stimme.”

 

Die schreibende Frau spielt eine tragende Rolle nicht nur in den Heroides; Anweisungen für die Liebesbriefchen der aktuellen Leser*innen – und wie diese zu verschlüsseln sind – finden wir in der “Liebeskunst“, doch dazu später.

Von der Macht des geschriebenen Wortes berichtet die Acontius-Cydippe-Episode:

Ein schöner, doch armer Jüngling von der Insel Ceos, bekannt durch die List, welche ihm den Besitz seiner Geliebten, Cydippe aus Athen, eines Mädchens von hohem Stand und grossem Reichthum, verschaffte. Er schrieb nämlich auf einen schönen cydonischen Apfel die Worte: ich schwöre bei Diana, dass ich Acontius zum Gatten nehme. Der Apfel rollte zu den Füssen der die Cydippe begleitenden Sklavin, welche, wie Acontius richtig geschlossen, nicht lesen konnte; sie gab daher den Apfel der Gebieterin, welche laut die Schrift las und so den verhängnissvollen Schwur aussprach. Der Vater des Mädchens, dieses nicht wissend, verlobte sie einem Andern; sie ward gefährlich krank, entdeckte, was durch Zufall von ihrer Seite geschehen, und genas, als sie ihren Schwur erfüllen durfte.

 

Der “Botschaft auf dem Apfel” folgen bei OVID zwei fiktive Briefe.

Acontius erweist sich als überaus eifersüchtig, mit grenzwertigen Überredungskünsten ausgestattet:

“Es quält mich bisweilen, dass du durch meine Verschlagenheit Schmerzen erleidest. Ich bitte darum, dass die Verwünschungen meiner Geliebten auf mein Haupt kommen, durch meine Bestrafung möge sie geschützt sein!” (Heroides XX 130 ff)

 

Die rätselhafte Krankheit der Cydippe, die bei jedem (in der Folge zu verschiebenden) Heiratstermin mit dem von den Eltern ausgesuchten Gatten eskaliert, erklärt sie so:

“Die Ursache ist verborgen, meine Leiden sind offenkundig, ihr zerstört den Frieden und löst bittere Kämpfe aus, ich aber muss dafür büßen.” (Heroides XXI, 56 ff.)

Dass die mehrfach pünktlich auftretende körperliche Schwäche die von den den Eltern arrangierte Heirat verhindert, hat im Konflikt “Sollen versus Gehorsam gegenüber dem Eid” seine psychosomatische Ursache; Acontis Apfel-Aktion war ein klarer Regelverstoß:

“Brauch ist, nicht durch Betrug zu untergraben, du hättest um mich werben müssen und nicht mich betrügen dürfen.” (XXI, 129 f.)

Dass der Mann (der Jüngling) um die Frau (das Mädchen) zu werben hat, und nicht umgekehrt, gilt als eiserne Regel. Gegen die hat auch Narziss verstoßen, nämlich, indem er überhaupt nicht geworben hat und, wo er begehrt und umworben war, nur abweisend reagiert hat.

Er hat sich ständig nur verweigert, heißt es; dieses Verhalten ist in der Szene seiner Begegnung mit Echo ausführlicher dargestellt.

 

Narziss sieht sein Spiegelbild, nicht, dass er sich spiegelt. Dass er sich spiegelt, kann jedoch Echo sehen, die in dieser Szene vom Künstler eingefügt worden ist – dem Mythos zufolge gibt es sie in diesem Moment bereits nur noch als körperlose Stimme, als Echo eben.

 

 

 

 

 

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