#Marx200 —-> “Kapitalismus am Abgrund” <—-

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Für den SPIEGEL  hat sich Henrik Müller des 200. Geburtstags von Karl Marx angenommen – statt Geburtstagstorte gab es eine Geburtstagsthese: “… der Kapitalismus scheint gerade zugrunde zu gehen – ganz ohne Revolution.”
Vor lauter Schreck habe ich dann den ganzen Artikel gelesen – Fazit: Das Ganze ist mal wieder eine maßlose Übertreibung, nichts genaues weiß man nicht, und was man weiß, behält man für sich:

“Nehmen Sie diesen Text. Stünde er in einer gedruckten Zeitung, hätte er Eigenschaften wie eine Ware. In digitaler Form aber können Sie ihn lesen, während andere Leute zur gleichen Zeit dasselbe tun; Sie nutzen ihn weder exklusiv noch verbrauchen Sie ihn. Sein Wert mag sogar steigen, wenn viele Leute ihn lesen, denn dann bietet er umso eher Gesprächsstoff.”

Nur weil die Kosten für die Vervielfältigung digitaler Daten kaum noch wahrnehmbar sind, wird der Kapitalismus nicht aussterben. Die gedruckte Zeitung erzielt Preise, die in vielen Haushalten nicht mehr zum Taschengeldbereich zählen, und “Internet kost’ nix”.

Was so aber überhaupt nicht wahr ist. Wir zahlen mit unserer Zeit, unserer Aufmerksamkeit und indem wir uns als Objekt einer Meinungsmache beeinflussen lassen:
Natürlich ist “das Internet” nicht kostenlos, wenn auch die Verbindung nicht mehr mit der Telefonrechnung im Minutentakt abgerechnet wird und etwas schneller ist als mit einem piepsenden Modem.
Dass wir mit den Daten, die per Glasfaser transportiert werden, auch Wissen beziehen, ist dagegen eine bloße Behauptung, gegen die sich zunächst einwenden lässt, dass “Datenverbrauch” nichts mit verstehen zu tun hat, dass Begreifen auch Durchdenken, eingehende Beschäftigung mit dem Gegenstand bedeutet. Zusammenhänge herstellen zu können ist schön, Konsequenzen aus Wissen ziehen zu können auch, geschieht aber nicht mit der Datenlieferung. Dabei konsumieren wir meist nur Spekulationen und Unterhaltung:

Wahlprognosen sind bestimmt keine harten Fakten, alles kann anders kommen, als gedacht, wir lesen Fahrberichte von Autos, die wir uns nie werden leisten können, nur der Markenname, oder auch “Stolz auf unsere Autobauer” bleibt hängen.
Neben den eigentlichen Artikeln finden wir im Umfeld Werbung – die bläht die gedruckten Illustrierten nicht mehr allzu sehr auf, weil das “Kunden-Fangen” individualisiert ins Internet verlagert wird – Stimmenfang und Manipulation haben wir inzwischen auf dem Gebiet der Politik, beim Brexit, bei den US-Wahlen, vielleicht auch in Deutschland.
Da stehen die Parteien vor Sachzwängen, “müssen” bei Facebook Werbung schalten, sehen die Wähler nicht mehr als Menschen, sondern als binär beschreibbare Objekte.
Wenn sich die künstliche Intelligenz schon exponetiell entwickelt, wächst sie am Stärksten, wo sie “breit” eingesetzt wird, im sozialen Netzwerk, bei der Suchmaschine und gegebenenfalls im Automobilsektor, wo das autonome Gefährt ja so viel Freiheit und Bequemlichkeit bietet. Und Bewegungsdaten, die man abgreifen kann.
Damit entsteht eine etwas andere Ökonomie, die auf dem Besitz von exklusivem Geheimwissen, von Geheimnissen beruht – die so irrsinnig unbegreiflich auch nicht sind, sich aber bis ins Innerste der “Durchleuchteten” erstrecken: Maschinelle Menschenkenntnis kennt keine Grenzen, keine Privatsphäre, schaut nie diskret weg.
Zu den “Geheimnissen” dieser “Internet-Ökonomie” gehört bekanntlich, dass sie, in Bezug auf Steuern, in einem Schonraum wuchern kann, jedes Schlupfloch findet, kaum zu bezwingen ist – was war das für ein Kampf der Gerichte, bis Microsoft seinen Browser nicht mehr “fest” ins Betriebssystem verwebt hatte – und überhaupt: Mit dem Betriebssystem fing doch “alles” an: Da sind die eigentlich kostenlos reproduzierbaren  “Know-how-Dateien”, die es, wie die Anwendungsprogramme, eben gar nicht gratis gibt.
Mit diesen Programmen konnte die IT-Industrie ihr Kapital zusammenraffen, um dann bequem weiter zu akkumulieren; “Der Kapitalismus” stirbt schon nicht, weil eine Sparte wichtiger wird als andere.
Wo die Bedürfnisse des “einfachen Mannes” (einfache Frauen gibt es ja nicht) bleiben, steht auf einem anderen Blatt.
Der kleine, der einfache Mann hat aus der Geschichte gelernt: Damals waren es die Massenbewegungen, die in den Untergang geführt haben. Jetzt ist er Individualist. Auch die komplizierte Frau hat “Wert” und Marktwert charakterlich verinnerlicht, kann sich auf dem Arbeitsmarkt mehr oder weniger souverän bewegen: Denn die Menschen selbst sind zur Ware geworden, einer Ware, die sich bestmöglich verkaufen muss, in Konkurrenz zu den MitbewerberInnen. Weil das Muster so allüberall ist, formt es den Charakter.

Gewissermaßen regiert die Ware, die als Fetisch verehrt wird, wie schon beim Tanz ums goldene Kalb. Mit der Mündigkeit des “Subjekts der Weltgeschichte” ist es nicht allzu weit her, es kapselt sich ein, solitär oder in “seiner” Gruppe, das mag mit Darwin zu erklären sein: Dass die Organisation in Stämmen Überlebensvorteile bietet. Die heute tradierten gesellschaftlichen Hierarchien  taugen für ein egalitäres Modell nicht, aber alle halten am semifeudalen System fest  – ist Solidarität zu anstrengend?

 

 

 

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