Verschwörung. Chemnitz Schwarz-Weiss

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Stell Dir vor, eine geheimnisvolle Macht will  die Bevölkerung spalten, und Du siehst plötzlich nur noch Freunde und Feinde. Oder Faschisten und Antifaschisten. Jäger und Gejagte…

Der Regierungssprecher betont, dass Selbstjustiz illegal ist, und viele Andere verurteilen die “Selbstjustiz” in Chemnitz. In ihrer Wortwahl liegen sie voll daneben, wie die Spiegel-Autorin Frauke Bögert herausarbeitet:

Selbstjustiz ist, wenn …  eine Frau ihren Vergewaltiger erschießt. Selbstjustiz bedeutet, dass Betroffene die Vergeltung eines ihnen widerfahrenen Unrechts selbst ausüben. …

Die gewaltsamen Angriffe auf Migranten sind keine Selbstjustiz. Hier werden Menschen attackiert, die mit dem Fall gar nichts zu tun haben.

Wobei man noch anfügen kann, dass die Angriffe Angriffe, aber keine Hetzjagd waren – das Wort ist ja auch häufig gefallen…

Und die Schläger sind nicht die Opfer eines Verbrechens. Das Opfer ist Daniel H., der sich in sozialen Netzwerken deutlich gegen rechte Hetze und Nazis geäußert hat.

Daniel H.s Tod wird benutzt, um die Lüge über ein Verbrechen am deutschen Volk zu verbreiten. …

Wer glaubt oder impliziert, in #Chemnitz ginge es um einen Konflikt zwischen Migranten und Deutschen, hat das neurechte Narrativ vom Ethno-Bürgerkrieg schon gekauft. Das ist eine rassistische Inszenierung ohne irgendeine sachliche Grundlage.

Übersetzen wir hier “Narrativ” mit “Schauermärchen”, fragen uns, wo denn hier vom Ethno-Bürgerkrieg erzählt wird – ja, da war etwas: Die Geschichte von den bösen, bösen Messermännern. Das sind zwar Einzelfälle, mit unterschiedlichster Motivation, doch ein paar hat es wirklich gegeben, und die waren zu viel.

 

“Wo gehobelt wird, fallen Späne”

Es gibt  Konflikt- und Unfallstatistiker, die anhand objektiver Zahlen zu relativieren wissen (“… und insgesamt nimmt die Kriminalität sogar ab, viel verbreiteter sind Todesfälle durch Unfälle: …”) – wenn der Nachbar vom Nachbarn des Nachbarn von der Leiter fällt und stirbt, steht das nicht bundesweit in der Zeitung, richtig. Haushaltsunfälle, wie Verkehrsunfälle, passieren massenhaft – doch die Leitern haben in keinem einzigen Fall den Krieg erklärt, handeln nicht aus Rachsucht, religiöser Überzeugung, Habsucht oder unerklärlicher Infamie.
Den Ausdruck “Ethno-Bürgerkrieg” kannte ich trotzdem nicht und möchte zu gerne wissen, wer das erfunden hat.

 

Hässliche Deutsche, hassende Deutsche…

“Gehässig”, also hassend, feindlich gesinnt  oder “von negativen Affekten bestimmt” geht es in den Kommentaren zu, und zwar auf gegenüberliegenden Rändern des gesellschaftlichen Feldes mit der teigigen Mitte. Die Frankfurter Neue Presse zeigt einen Facebook-Screenshot, wo die AFD-Kreistagsfraktion Hochtaunus von drei erstochenen Männern in Chemnitz und der tendenziösen Medienberichterstattung “erzählt”, auf der gezeigten AFD-Seite gab es den Hinweis, dass Medienleute im Verlauf von Revolutionen schon mal auf die Straße gezerrt werden, wenn sie nicht “freiwillig” die Wahrheit schreiben könnten: Eine ziemlich unverhüllte Drohung.

Per virtueller Unterschrift kann man zeigen, dass man gegen das eingestellt ist, was in Chemnitz geschah.

“Ihr könnt noch so oft “Wir sind das Volk” brüllen — ihr seid es nicht.

Deutschland sind wir alle. Wir haben alle Hautfarben und Religionen, Wurzeln in der ganzen Welt und sprechen alle Sprachen dieser Erde.”

Allerdings hatte ich das mit den Wurzeln und der Sprache noch anders gelernt – die Sache mit allen Sprachen ist Babylon und Sprachverwirrung, Sprachzerstörung – mit entleerten Worten, Worthülsen ohne Gehalt funktioniert Denken und Kommunikation nicht; Rekonstruktion der Sprache ist Therapie.

Zudem hatten wir die Debatte um die “deutsche Leitkultur” ja schon, wenn auch nicht einvernehmlich beendet – dass ein Bayer Kreuze in Amtsstuben aufhängt und dafür nicht belohnt wird, scheint zu dieser Dynamik dazuzugehören ;-)

 

Sachsen hat ein Imageproblem

Googelst Du nach “Traditon Sachsen”, kommen Ergebnisse aus dem Erzgebirge, mit Holz-Drechseleien, die wenig Gewinn abwerfen und mit Glück und Verstand eine Zukunft haben.
Dann kommen gleich Fragen und Behauptungen zu Kulturveranstaltungen, “rechter Bewegung”, Rechtsradikalismus.

“Das Erste” sendet einen “Brennpunkt“, denn “… quer durch die Parteien wird mit großer Sorge auf die Ereignisse in Sachsen geblickt.” Sorgen haben auch Bürger, die nicht in Parteien organisiert sind, von den Parteisprechern (oder -”Bonzen”) nicht vertreten werden.

Per Handy-Video belegt ist eine “Menschenjagd”, die Anzeige dazu ist bei der Polizei gestellt. Welche Sorgen die sich macht – darüber redet man meines Wissens nicht.

Ob der “Hutbürger” (“Gännse fleisch mo zuhärn?”), der jetzt seinen Hut nehmen musste, sich überhaupt Gedanken macht?  Als Person des öffentlichen Interesses – über Nacht bekannt geworden, wie ein Premium-Comedian das nicht schafft -  könnte er jetzt auch durch die Talkshows tingeln – die werden ohnehin immer weniger eingeschaltet, “weil die Zeit doch eigentlich zu schade zum Vertun ist”. Weil ja schon alles erzählt worden ist, sind dort “neue Narrative” – gern auch voller innerer Widersprüche oder Brüche -  begehrt!

Innerhalb der Pressestimmen ist das Folgende noch vergleichsweise freundlich:

«Der Standard» (Wien): «Wer an Sachsen denkt, dem fallen auch noch rasch Heidenau, Clausnitz und Freital ein, wo ebenfalls der rechte Mob wütete – und immer weniger touristische Höhepunkte wie die Semperoper in Dresden oder die Basteifelsen. Die Sachsen seien “immun” gegen Rechtsradikalismus, hat der frühere Ministerpräsident Kurt Biedenkopf einmal gesagt. … Es wäre jetzt Zeit für klare Worte aus der sächsischen CDU. Schweigen und sich ducken – aus Angst vor der AfD – ist ein falscher und schändlicher Weg.»

Ob aus freien Stücken und Überzeugung, oder weil es politisch erforderlich scheint, hat die Stadt dazu aufgefordert, zum Konzert zu gehen:

Für alle, die für ein offenes, vielfältiges und vor allem friedliches #Chemnitz stehen: #wirsindmehr Lasst es uns gemeinsam zeigen! Am Montag, am Karl-Marx-Monument.

 

Der Slogan “Wir sind mehr” sagt zwar nichts aus, das man nicht selbst einsetzt – das “WIR” ist nicht definiert, “mehr” ist ja immer ein “mehr als”, also mehr als was? - aber dieses Spiel um Bedeutungen hat auch sein Gutes – die Stimmung hänge nicht vom Wetter ab, (Bedürftige sollten ohne “Winterhilfe” durch die kalte Jahreszeit kommen) und sei auch weder grau noch braun – heute geht es um die Perspektiven für morgen.

Perspektiven für “morgen” heißt nicht “Perspektiven für übermorgen”. Wenn Kitas schon seit vorgestern fehlen, Schulen schon länger schlecht ausgestattet und sanierungsbedürftig sind, gehört das schnelle Reparieren – und nicht nur flickschustern – zum Programm.

 

Die “achtsamen Medien” geben sich gerne mal einfühlsam:

“Viele Ostdeutsche leiden bis heute an Kränkungen der Nachwendezeit.”

“Die Ostdeutschen” leiden am “Wendefrust”, und es gelte,  ein “Misstrauen in den Staat”  zu lindern, lesen wir bei der FAZ. Nun ist bei Kränkungen häufig klar, wer gekränkt ist, nicht aber, wer gekränkt hat – und der wird sich nur ungern die “Klagen” des Gekränkten anhören – die werden auch mal als “Jammern” abgetan, also zurückgewiesen und nicht ernst genommen.

Damit lässt sich die Linderung des Misstrauens kaum fördern, aber es kommt eine Vorsicht vor dem Staatsapparat hervor, die vielleicht noch viel mit dem “überwundenen” System zu tun hat, mit “Horch und Guck” und vielen Mechanismen, die Konformität sichern sollten. Die Privilegien des Apparats sind von der Funktion her (in annähernder Totalitarität) auch in der Bundes-Republik vorhanden.

Wo von Kränkung geredet wird, ist die Kränkung nicht weit: “Gebt ihnen die Mauer zurück!” lautet eine unverschämte Kränkung im Geplänkel der Überheblichkeiten. Diese hasserfüllte Ausdrucksweise kommt ohne brennbare Flüssigkeiten aus, diesen Überheblichen reicht eine Tastatur, um die Überzeugung von der Benachteiligung zum Lodern zu bringen:

Reinhauen ist hip, doch über erlittene Känkungen sich zu äußern, ist verpönt – man hindert ja selbst Andere daran. Die eigenen “Überzeugungen” und Vorurteile stehen auf dem Spiel. Das reicht zurück bis in die Vorkriegszeit, die Kaiserzeit, bis in die Steinzeit?

 

“Die nächsten Tage wird Deutschland noch auf Chemnitz schauen. Aber danach wird der Kampf um das, was Chemnitz ist, noch lange nicht vorbei sein.”

Vielleicht – das lässt die  TAZ-Anmerkung anklingen – kommt es auf  “das nachhaltige gesamtdeutsche Interesse” an der Sachsen-Metropole an. Sie bietet, wie das “Rätselhafte Sachsen” überhaupt – Stoff für viele Geschichten, vom Quartiersmanagement in der Plattenbausiedlung der Superlative über lustvolle Kulinarik  oder “Fabrikessen” bis zu den Themen, die die Menschen bewegen und die Politiker nur zu Wahlkampfzeiten angeblich interessieren.

Es muss schon die eine oder andere “Image-Kampagne” mit nicht zufriedenstellendem Ausgang gegeben haben: Die kreativen Köpfe, die so etwas durchziehen, sind nur so lange schöpferisch, wie der Geldtopf reicht.

 

Soziale Medien – Blogs mit Substanz

Die Rolle und Reichweite der Kommunikation in den sozialen Medien wird gerne überschätzt: Häufig handelt es sich doch nur um das Kontakt-Halten im Telegrammstil (“Bin grad am chillen, du auch?”), eben den “Autausch unter Freunden” im Facebook-Stil.

Vielfältiger und ausführlicher ist da noch die Mediengattung der “Blogs“, wo eher journalistisch auch mal recherchiert und “Material” aufbereitet wird – generalisieren kann man da überhaupt nicht, aber ich denke an die Museums-Blogparade mit ausgezeichneten Beiträgen.

Solche “Events” brauchen nicht viel mehr als einen Anstoß in Form eines gelungenen Anlasses, einer interessanten Fragestellung und gekonnten Präsentation – hier ist eine große Gesamt-Reichweite für das General-Thema zu erzielen, mit mehr als oberflächlicher Aufmerksamkeit für das gegebene Thema.

Das Bild vom Sächsischen Eisenbahnmuseum (CC BY 2.0) steht hier für eine Görlitz-Facette von vielen – Bewahrung von Vergangenheit – das gelingt offensichtlich; Lernen aus der Vergangenheit ist auch nur durch Durcharbeitung der Vergangenheit, Lernen aus Fehlern, Verbesserung und Fortschritt möglich.

Der Slogan blendet die langweiligen Aspekte und auf “völkische Vorherrschaft” gerichtete Ideologie in Chemnitz aus, als wäre da gar nichts. Wie eine Persönlichkeit der Jetzt-Zeit, die ein ein paar Anteile ihrer Persönlichkeit verdrängt. Durch die Farbgebung wird die Doppelbotschaft wieder komplettiert.

Die Farben des Regenbogens gibt es dabei auch – als Gegenentwurf oder wirklich, wenn auch kaum unbelastet. Welche Facetten die Buntheit (Vielfalt) ausmachen, kann so, in wenigen Worten, nicht vermittelt werden. Folgerichtig wäre über die verschiedenen Facetten je zu berichten – diese Berichte “über alles” kann man anschubsen, herausfordern und fördern – gerade was Blogs betrifft.

 

Siehe auch:

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